Innsbruck Informiert

Jg.2024

/ Nr.11

- S.22

Suchen und Blättern in knapp 900 Ausgaben und 25.000 Seiten.





vorhergehende ||| nächste Seite im Heft

Zur letzten Suche
Diese Ausgabe – 2024_Innsbruck_informiert_11
Ausgaben dieses Jahres – 2024
Jahresauswahl aller Ausgaben

Dieses Bild anzeigen/herunterladen
Gesamter Text dieser Seite:
Stadtgeschichte
den Stadt-Umland-Konflikt, der sich vor
allem in Kriegszeiten zuspitzte.

Tiroler Bäuerinnen im und
nach dem Ersten Weltkrieg

Ein Sprachrohr für Frauen?
Der weibliche Bevölkerungsteil schien nun
„ernster“ genommen zu werden, nicht zuletzt wegen der potenziellen Wahlstimmen. Dennoch wurde eine gewisse Distanz
gewahrt, etwa wenn in der ersten Ausgabe
stand, dass Frauen die Politik „nicht über
die Familien- und Haushaltspflichten stellen, sondern sich im politischen Fahrwasser immer hübsch nahe dem Ufer halten“
sollten. (Ausgabe 28. März 1919, 7)
Nicht nur die belastenden Umstände an
den Höfen waren für viele Schreiberinnen
Thema ihrer Briefe, sondern auch die neue
Landesteilung Tirols, etwa wenn sich eine
Frau im September 1919 äußerte, dass
nicht klar sei, wo die Gemeinde Arnbach
(heutiges Osttirol) nun dazu gehören solle. Sie schrieb ferner, dass sie „hier lieber
deutsch sterben als italienisch leben“
wollte. (Ausgabe 12. September 1919, 7)

Schriftzeugnisse von Frauen im ländlichen Raum sind für die Zeit
des Ersten Weltkriegs schwer zu finden. Bemerkenswert also, dass
in der Tiroler Bauern-Zeitung verschiedene Beiträge von Leserinnen
veröffentlicht wurden, die Einblicke in einen harten Alltag geben.

Motiv der Rubrik „Bäuerinnen Hoangart“ von Anton Kirchmayr; darauf sind „typische“ Zuschreibungen zu sehen:
kochen, Kinder erziehen, weben.

A

ls Presseorgan des Bauernbundes wurde die Tiroler Bauern-Zeitung vom späteren Landeshauptmann Josef Schraffl, dem Priester und
christlichsozial gesinnten Politiker Ämilian Schöpfer und dem Dichter Sebastian Rieger, weitläufig bekannt als Reimmichl, etabliert. Dass dieses Periodikum
eine gewisse „Schlagseite“ hatte, ist somit naheliegend.
Besonders während des Ersten Weltkriegs, aber auch danach lassen sich
spannende Erfahrungsberichte von Bäuerinnen finden. Inwiefern es redaktionelle Eingriffe gab, ist allerdings nicht
bekannt.

Höfe ohne Männer
Die Kriegsmobilisierung um 1914 brachte
42

INNSBRUCK INFORMIERT

eine bedeutende Störung der traditionellen Arbeitsteilung im ländlichen Raum
mit sich; immerhin handelte es sich um
85.000 einberufene Männer, also um
mehr als ein Drittel der um 1910 in der
Tiroler Landwirtschaft Beschäftigten! Die
Produktionsleistung war nun also von
den Zuhausegebliebenen abhängig, unter anderem den Frauen. Sie hatten sich
den unterschiedlichsten Anforderungen
zu stellen. Eine Bäuerin schrieb 1917
beispielsweise an die Redaktion, dass ihr
hoch verschuldetes Anwesen, welches der
seit „der Mobilisierung einberufene Gatte“
übernommen hatte, mit 12.000 Kronen
belastet sei. Zudem seien drei Kinder im
Alter von sechs Monaten bis vier Jahren
sowie der arbeitsunfähige Vater und der
Onkel zu versorgen. Ferner mussten an-

stelle des Ehemanns zwei neue Dienstboten eingestellt werden, was die finanzielle Situation weiter anspannte. (Ausgabe
20. April 1917, 12)
Zu finden waren aber auch Beiträge
von männlichen Zeitgenossen, die eine
Fremdwahrnehmung auf weibliche Arbeit im Hinterland zeigten, etwa wenn
von „schwerem und verantwortungsvollem Wirken“ der Bäuerinnen geschrieben
wurde, das bislang zu wenig Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit gefunden
habe. Außerdem wurden Teile der städtischen Bevölkerung kritisiert, dort habe
man „kaum einen Blick und ein Verständnis für die […] opferreiche und entsagungsvolle Arbeit […] [der] Frauen auf
dem Lande.“ (Ausgabe 12. Jänner 1917,
5) Dieses Schreiben zeigt unter anderem

© DIGITALISAT: UNIVERSITÄTS- UND LANDESBIBLIOTHEK TIROL (AUSGABE 12. SEPTEMBER 1919).

© DIGITALISAT: UNIVERSITÄTS- UND LANDESBIBLIOTHEK TIROL (AUSGABE
21. NOVEMBER 1919).

von Isabella Brandstätter

„Bäuerinnen-Brief“ zum Thema Grenzteilung Tirols

Die Verschiebung der Grenze auf den
Brenner war durch Unterzeichnung des
Friedensvertrags von Saint-Germain am
10. September 1919 erfolgt und „Alttirol“
somit geographisch dreigeteilt worden.
Ein besonders kritischer Brief einer Bäuerin aus dem Unterland, der die angespannte gesellschaftspolitische Situation
in der Zwischenkriegszeit widerspiegelt,
erschien im Jahr 1921: Darin äußerte sie,
dass man zusammenhalten müsse, denn
sonst werde man über die „Einheimischen“ herfallen. Gemeint waren vor allem
„Juden und Reiche“, diese hätten unter
anderem für die Bahn weniger bezahlt,
außerdem dürften sie beim Baden „in
Adams- und Evakostüm herummarschieren“. Die Behörden, die ihrer Meinung nach
„schliefen“, bezeichnete sie als „Waschlappen“. (Ausgabe 16. Dezember 1921, 7)
Historische Zeitungen können also ob der
umfangreichen Quellenlage ein ungeheures Potenzial für die Geschichtswissenschaften und darüber hinaus darstellen.

Wenn du
eine Immobilie
kaufen willst,

mach"s
gscheit.
Mach‘s mit uns.
Lesestoff gefällig?
In der Zeit vom 4.–22. November bietet sich im Stadtarchiv/Stadtmuseum für Lesefreudige eine ganz besondere Chance: Erstmals
öffnen wir die Türen für einen Bücherabverkauf! Sowohl Bücher
der hauseigenen Publikationsreihe als auch doppelte Exemplare
aus dem Bibliotheksbestand können sehr günstig erworben werden. Von Historischem über Kunstkataloge bis hin zur Literatur –
für jeden Geschmack ist etwas dabei!

0512 574 600 | innreal.at

Ort: Stadtmuseum Innsbruck, Badgasse 2
Öffnungszeiten: Mo.–Fr. 9.00–17.00 Uhr
INNSBRUCK INFORMIERT

43