Innsbruck Informiert
Jg.2024
/ Nr.6
- S.22
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Stadtgeschichte
Eine (fast) vergessene Pionierin
des Frauensports in Tirol
Österreich war ein Pionierland des Frauensports, eine Tatsache, die
der Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Dass nach dem 1. Weltkrieg
ausgerechnet das stets als konservativ geltende Tirol eine Vorreiterrolle
übernehmen sollte, mag erstaunen.
© TLV, ARCHIV GRAF (4)
von Karl Graf
Ein Hochsprungwettkampf 1921 im Hof der Klosterkaserne. Später wurde sie
in Fennerkaserne umbenannt, heute befinden sich dort die SOWI-Anlagen.
Turnvereine als Förderer
Am ehesten war die Öffnung für den Frauensport den heimischen Turnvereinen zuzutrauen gewesen, die in ihren Reihen
Frauen ab 1900 allmählich akzeptierten.
Dennoch waren für sie bei Turnfesten, im
Unterschied zu den Männern, keine Wettkämpfe vorgesehen.
Überwundene Krisen bewirkten immer
wieder, dass neue Ideen plötzlich fruchtbare Nährböden fanden. Das Friedensdiktat nach dem 1. Weltkrieg war für die
ÖsterreicherInnen drastisch, aber es wurden unter anderem demokratische politische Strukturen gebildet. Davon profitierten auch die Frauen, denn ihnen wurde, als
eine der ersten weltweit, bereits 1918 das
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allgemeine Wahlrecht zugesprochen. Fortschrittliche, sportorientierte Vereine wollten nun ebenfalls ein Zeichen setzen. Bei
der ersten Jahreshauptversammlung des
Innsbrucker Turnvereins (ITV) nach dem
1. Weltkrieg am 26. Februar 1919 registrierte man Erstaunliches: „Zeit und Umstände brachten es mit sich, auch den
weiblichen Mitgliedern eine Vertretung
im Turnrate einzuräumen“. Mit im Vorstand dabei war nun Aloisia (Luise) Geißler
(1890–1977), die erste staatlich geprüfte
Turnlehrerin Tirols. Ihr war es zu danken,
dass sich Frauen und Mädchen nun auch
sportlichen Zielen widmen durften. Als
erste davon Gebrauch machten die Leichtathletinnen. Eine Bühne dafür bekamen sie
bereits 1921, als die ersten Tiroler Meisterschaften ausgetragen wurden. Dabei durften auch die Frauen um Titel kämpfen –
die anderen Bundesländer zogen damit
erst ab 1946 nach.
Zieleinlauf bei der Tiroler Meisterschaft 1921 im
100-Meter-Lauf. Die Sportanlage befand sich im Hof der
Klosterkaserne, später Fennerkaserne. Heute befinden
sich die SOWI-Gebäude auf dem Gelände.
Leichtathletin widersetzte sich
Bei diesen Meisterschaften lief die
Innsbruckerin Josefine („Pepi“) Kininger
(1895–1983) den 100-Meter-Lauf in 13,0
Sekunden. Das wäre österreichischer
Rekord und die Bestätigung ihrer Leistungsfähigkeit gewesen, als sie bei einem
Meeting zuvor alle Wienerinnen besiegen
konnte. Der österreichische Verband (ÖLV)
war aber skeptisch und eine Prüfungskommission fand tatsächlich einen Haken:
Die Laufbahn wies ein um ein paar Zentimeter zu großes Gefälle auf und Josefines
Erfolg wurde nicht anerkannt. Über dieses
Urteil waren die Tiroler Funktionäre sehr
erbost und ließen die Leistung in den Tiroler Rekordlisten bestehen. Erst in jüngster
Zeit konnte Josefines Laufzeit von einem
internationalen Forschungsteam in Relation gesetzt werden: Im Jahr 1921 lief nur
eine einzige Frau die 100 m schneller als
Josefine Kininger – und das weltweit!
Immerhin wurde Josefine im Jahr 1922
zum ersten internationalen Rennen für
Frauen nach Berlin eingeladen. Dort fanden die Deutschen Kampfspiele statt, sie
gewann alle Vorläufe und wurde im Finale
Vierte.
Bis zu ihrer Heirat leitete Josefine Kininger eine eigene Schneiderwerkstätte, die sie in Zeitungsannoncen bewarb.
Bis dahin hatte sie schon eine erstaunliche Lebensgeschichte hinter sich. Ihr Vater war Bahnbediensteter in Lienz, wurde
1907 nach Innsbruck versetzt und bezog
mit seiner Familie eine Dienstwohnung in
der Amraserstraße. Josefine war damals
zwölf Jahre alt. Schon damals musste sie
ein sehr bewegungsfreudiges Mädchen
gewesen sein und fand im ITV ein ausreichendes Betätigungsfeld. Ein herber
Rückschlag waren für sie die Kriegsjahre
1914 bis 1918, denn alle Aktivitäten der
Sportvereine kamen zum Erliegen. So
konnte sie ihr außergewöhnliches Talent
erst als junge Frau mit 25 Jahren nach dem
Krieg zeigen.
Frauen in Wettkämpfen im Freien mit
Männern und in kurzen Hosen waren jedoch in Österreich eine Neuheit außerhalb
Josefine Schulz-Kininger vertrat Österreich erstmals bei einem Auslandsmeeting. Hier das Finale im 100-Meter-Lauf
der Deutschen Kampfspiele in Berlin 1922 (2.v.r)
von Wien. Es kam daher des Öfteren zu
Problemen. Sogar mit tätlichen Angriffen
mussten etwa Radfahrerinnen rechnen,
die sich bei ihren Ausflügen im Freien in
Hosen zeigten, anstatt in langen Röcken.
Schutz vor der Öffentlichkeit bot Josefine
lediglich die Wettkampfstätte, die sich im
abgeschlossenen Hof der Klosterkaserne
befand.
Verheiratete Frau als Sportlerin
Am 23. April 1922 heiratete Josefine den
Handelsangestellten Oskar Schulz (1888 –
1977), einen erfolgreichen Turner, den sie
im ITV kennengelernt hatte. Zu den Deutschen Kampfspielen reiste sie also schon
als verheiratete Frau. Ein Jahr später kam
Sohn Oskar Schulz Junior zur Welt und im
nächsten Jahr bestritt sie bereits wieder
Wettkämpfe. Eine verheiratete Frau im Alter von knapp 30 Jahren mit Kind, die sich
noch immer sportlich aktiv in der Öffentlichkeit zeigte, das blieb den damaligen
Sportreportern wohl verborgen.
Oskar Schulz Junior (1923–2017) hatte den
sportlichen Ehrgeiz seiner Eltern geerbt.
Er wurde 1947 Akademischer Weltmeister im Langlauf und vertrat Österreich bei
den Olympischen Spielen 1952 und 1956.
Parallel dazu entwickelte er sich zu einem
international bedeutenden Geologen und
leitete als Professor der Universität Innsbruck die Abteilung Mineralogie und Petrographie von 1973 bis 1988.
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